Lesezeit 4-5 MinutenWissenswertes über Stress & Burnout

Burnout – Mythos oder Realität?

Burnout – ein Begriff den heutzutage jeder kennt. Darüber gesprochen wird aber nur selten und betroffen sind meist nur die anderen. Trotzdem ist Burnout ein Begriff der polarisiert. Ein Teil der Gesellschaft ist der Überzeugung, Burnout ist nichts anderes als ein Mythos, eine Modekrankheit. Für den anderen Teil der Gesellschaft ist Burnout Realität. Sie sprechen von einer realen Gefahr, die laut manchen sogar unsere gesamte Gesellschaft bedroht. Was ist nun wahr?

Fakt ist, dass die Anzahl der Menschen denen ein Burnout diagnostiziert wird, sowie die durch Burnout entstehenden Kosten drastisch ansteigen. In der 2012 in Deutschland veröffentlichten Studie zur Arbeitsunfähigkeit, psychischen Erkrankungen und Burnout steht dazu: Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat die Angaben der großen gesetzlichen Krankenkassen zu Arbeitsunfähigkeit, psychischen  Erkrankungen und Burnout Ausgewertet. Dabei zeigt sich, dass die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund eines Burnout (Z73 im ICD-10-GM) seit 2004 um 700 Prozent, die Anzahl der betrieblichen Fehltage sogar um fast 1.400 Prozent gestiegen ist. Diese Zunahme fällt damit deutlich größer aus als die Zunahme von betrieblichen Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen (insgesamt).“ © Deutsche BundesPsychotherapeutenKammer; Studie zur Arbeitsunfähigkeit, psychischen Erkrankungen und Burnout; 2012
Wer schnell im nachrechnen war hat bereits erkannt: Die Studie wurde im Jahr 2012 veröffentlicht. Sie bezieht sich auf den Zeitraum 2004 bis 2011 – 8 Jahre. Innerhalb dieser 8 Jahre gab es 7 Mal so viele Krankschreibungen und 14 Mal so viele Krankenstandstage.

Im Jänner 2010 veröffentlichte die österreichische Ärztezeitung, dass „etwa 500.000 Österreicher unter einem Behandlungsbedürftigen Burnout-Syndrom leiden und ca. 1,5 Millionen gefährdet sind.“ Bei etwas mehr als 8 Millionen Einwohnern war damit beinahe jeder vierte Österreicher gefährdet oder bereits betroffen.
Deutsche Medien berichteten ungefähr zur gleichen Zeit von rund 2 Millionen Bundesbürgern, die an einem Burnout erkrankt sind und davon, dass die Krankschreibungen aufgrund psychischer Leiden in Deutschland ein absolutes Rekordniveau erreicht haben.

Dem Psychoreport der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) zufolge, lagen Seelenleiden im Jahr 2014 erstmals auf dem zweiten Platz aller Krankheitsarten. In der Auswertung heißt es, dass umgerechnet jeder 20. Deutsche Arbeitnehmer im Jahr 2014 mit psychischen Problemen krank geschrieben wurde.
Zum Vergleich: Vor knapp 50 Jahren, in den 1970ern, gingen gerade einmal 2 Prozent aller durch ein ärztliches Attest bestätigten Krankenstandstage auf eine psychische Erkrankung zurück.

Auch wenn psychische Probleme bereits der zweithäufigste Grund für Fehltage sind, müssten sie – real gerechnet – die Spitzenposition unter den „wichtigsten Diagnosen“ einnehmen. Denn, schaut man sich die durchschnittliche Ausfallzeit bei einer Krankschreibung an – also wie lange die Menschen an ihren Leiden laborieren und dadurch am Arbeitsplatz fehlen – zeigen seelische Erkrankungen ihr wahres düsteres Potenzial: Bei körperlichen Diagnosen liegt die durchschnittliche Krankheitsdauer bei 11 Tagen je Fall. Bei einem diagnostizierten Burnout beträgt die Ausfallszeit durchschnittlich 49 Tage.
Wir haben heute also nicht nur deutlich mehr psychische Krankenstände als früher, auch die Krankenstandsdauer ist deutlich gestiegen.


In der WHO-Studie „Global Burden of Disease“ (Globale Krankheitslast) haben Experten für jede Weltregion die Belastungen durch über hundert Krankheiten untersucht. Das Ergebnis: Schon seit einigen Jahren verursacht die Depression in den reichen Ländern die höchste Krankheitslast durch verlorene Lebensqualität oder verlorene Lebensjahre.
„Bis 2030“, so die WHO, „könnte die Depression weltweit die wichtigste Ursache von Krankheitslasten werden – noch vor Herz-Kreislauf-Störungen und Aids.“

Es gibt noch eine weitere, sehr interessante Auswirkung. Wie im Österreichischen Fehlzeitenreport von 2010 nachzulesen ist, gibt es nirgends auf der Welt mehr Invaliditätspensionen ab dem 50. Lebensjahr wie in Österreich. Im Dezember 2011 waren von den 8 Millionen Österreichern mehr als 2,2 Mill. Pensionisten gemeldet.
Fast ein Drittel der Invaliditätspensionen (32 Prozent), sind laut diesem Fehlzeitenreport auf psychische Erkrankungen und Burnout zurückzuführen. Erst danach kommen die Krankheiten des Bewegungsapparates.
Die Bundesrepublik Deutschland steht hier übrigens nicht wirklich besser da. Wie das Analysehaus Morgen & Morgen im Jahr 2013 veröffentlichte, sind auch in Deutschland die psychischen Erkrankungen mit 28,7 Prozent der häufigste Grund für eine Berufsunfähigkeit.

Ist Burnout nun ein Mythos oder doch Realität? Die von den Krankenkassen und Studien genannten Zahlen zeichnen auf jeden Fall ein schlimmes Bild. Es sei aber hinzugefügt, dass auch die Krankenkassen nicht immer absolut valide Zahlen nennen können, da es bis dato noch immer keine allgemein gültigen Diagnoseverfahren für Burnout gibt.

Dies lässt Raum für Spekulationen und Gegenargumente. Eines dieser Gegenargumente lautet zum Beispiel, dass die heute deutlich häufiger diagnostizierten seelischen Krankheiten mit dem vorhandenen Angebot an Therapeuten zu tun hat.
Dazu meint zum Beispiel Franz Knieps, Vorstand der Deutschen Betriebskrankenkassen in einem Interview in der Wirtschaftswoche: „Es gibt starke Anhaltspunkte, dass das mit dem Therapieangebot zu tun hat. Je mehr Ärzte oder therapeutische Einrichtungen umso mehr Diagnosen. Zudem seien die Barrieren sich Hilfe zu holen, für einen Erkrankten auf dem Land, wegen der dort herrschenden größeren sozialen Kontrolle oft größer. In der anonymen Großstadt fällt es leichter sich Hilfe zu holen.“
Wer beginnt hier nachzuforschen stößt bald auf Studien, die genau das Gegenteil belegen. Einer dieser Studien zufolge, liegt die höchste Konzentration der Nervenärzte in Deutschland nicht unbedingt in den am meisten betroffenen Regionen. Bis auf eine einzige Ausnahme: Berlin! In Berlin leben viele depressiv Erkrankte bei einer zugleich hohen Dichte an Nervenärzten.

Hans-Peter Unger vom Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg bringt hierzu einen weiteren Aspekt ein.
Er ist der Ansicht, dass der Stresspegel in den Großstädten höher ist. Wie er weiter erwähnt, „ist in der städtischen Community das Gesundheitsbewusstsein größer.“ Psychische Probleme würden so schneller erkannt.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) vom Robert Koch Institut. Demnach hat die Wohnortgröße Einfluss auf die Häufigkeit von depressiven Symptomen. In kleinstädtischen Orten waren die wenigsten betroffen.

Ein weiteres Argument das immer wieder aufkommt ist, dass die seelischen Leiden ansteigen, weil sie besser erkannt werden.
Dazu meint wieder Franz Knieps: „Noch vor zehn, fünfzehn Jahren wurden Patienten mit Symptomen, die auf ein psychisches Leiden hindeuteten, viel häufiger körperliche Beschwerden attestiert. Die heute größere Kenntnis psychischer Krankheitsbilder bei Hausärzten, aber auch die größere Aufgeklärtheit bei Patienten, trügen dazu bei, dass es häufiger zu einer Krankschreibung wegen psychischer Störungen kommt.“

Dass die psychischen Leiden der Menschen heute besser erkannt werden als früher ist auf jeden Fall sehr zu begrüßen. Auch wenn dies bedeutet, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle damit noch weiter ansteigen wird. Denn, für die Betroffenen gibt es wahrschein-lich kaum etwas schlimmeres, als eine falsche Diagnose und damit das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
Wir sind sicher aber auch offener für professionelle Hilfe geworden und vermutlich sind wir auch etwas sensibler geworden. Es ist aber auch davon auszugehen, dass wir heute deutlich stärkeren Belast-ungen ausgesetzt sind. Deshalb sollten wir – zu unserem eigenen Schutz und zum Schutz der Menschen in unserem Umfeld – etwas dagegen unternehmen.

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